Appetit, Hunger, Lust - oder Imagination?


Sabine Mader vor ihren Ackerfrüchten

VERNISSAGE: "Der gedeckte Tisch"
Sabine Mader - Fotos mit IMAGINATION [i:mägi:neischen]

Laudatio von Michael Himpel, Offenbach

Warum hält ein Fotograf eine Laudatio auf eine Fotografin? Fragen Sie sich? Gute Frage! Schwierige Aufgabe – und hier der Versuch einer Antwort:

Auf was guckt der? Der Fotograf?
Auf die Fotos? Auf die Fotografin? Auf das technische Equipment? Den Style? Erstmal – keine Ahnung!

Und dann hat er, der Laudator, die Arbeiten von Sabine Mader vor sich liegen. Was passiert? 

Er wird zum Entdecker. Zu einem, der viel mehr sieht, als man sieht. Einem, der verblüfft die Profibrille auf die Stirn schiebt und sich einlässt. Einlässt auf Sabine Mader, die mit Fotos Geschichten erzählt. Und dem die Phantasie damit durchgeht.



Ich wage mich jetzt vorneweg erstmal an eine Verortung: Sabine Mader, wo kommst du her? Wo willst du hin?

Sabine fotografiert schon ein Leben lang. Am liebsten Essen. Für Verlage wie Gräfe/Unzer, Burda, den Feinschmecker. Rezepte; lecker, duftend, verführerisch. Appetit, Hunger, Lust - Kochbücher, Lifestyle-Magazine, Gastro-Kulinarien. Da muss einmachen anmachen, erdverbunden wird zu Herd-verbunden und Meeresschnecken verwandeln sich in Meeresschmecken! Fotos mit Geschmack.

Sabine hat in München Fotografin gelernt, in Mannheim und Hamburg den Fotografenalltag kennengelernt, in München wiederum wurde sie offiziell als Künstlerin anerkannt. Sie ist gereist, hat drei Kinder groß gezogen. Geliebt, gesegelt, getanzt. Weltweit Freunde gefunden. Und Fotos gemacht. Auf weiter See, auf hohen Bergen, in wilden Städten und einsamen Steppen. Seit vielen Jahren hat sie ein Studio in München-Sendling mit ihrer Kollegin, Freundin und Sparringspartnerin Ulrike Schmid. Ist das dann eigentlich ein Kochstudio oder ein Fotostudio? Fotos mit Geschmack, heißt das Studio. Die beiden arbeiten, fotografieren, reisen zusammen, manchmal mit nur einer gemeinsamen Kamera. Wer da im entscheidenden Moment den Auslöser gedrückt hat, wissen sie oft selbst nicht mehr. Hinterher. Wenn sie wieder zu Hause sind. So geschehen zum Beispiel bei den Fotos aus dem Sinai an der hinteren Wand. Da steht immer das Tandem als Absender drauf. Fotos mit Geschmack.


Zurück zum Gedeckten Tisch - Was haben wir also hier? Appetit, Hunger, Lust? So einfach ist es nicht. Es ist kein bisschen das, was der Titel erwarten lässt. Sondern?

Food-Fotografie? Ja, nein. Eher nicht. Selten ist etwas wirklich lecker, nie läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Vielleicht bei den Melonen? Aber die sind ja schon weggefressen. Wir assoziieren hitzefrei, klebrige Finger, Kinderlachen. Vielleicht. Vielleicht war es aber auch ganz anders: Da wäre nämlich einer am asiatischen Buffet fast verhungert. So grauslich exotisch war das. Gegrillte Hühnerfüße, steinalte Eier, fiese Fischköpfe am Spieß. Nur die Melone war vertrauenserweckend. Da hat er zugeschlagen. Das war’s. Weggefressen, aber immer noch hungrig, der arme Kerl. Food-Fotografie?

Reise-Fotografie? Ja, nein. Eher nicht. Keine Eiffeltürme, keine Sonnenuntergänge über dem Meer, keine fluffigen Landschaften. Stattdessen karge Fladenbrote am Kamel. Sammelsurien von Irgendwassen, Plastikflaschen, Grünteetassen. Lange Anreise, weit weit weg, aber Reise-Fotografie?

People-Fotografie? Ja, nein, ein bisschen. Sehen Sie Menschen? Wenige. Einzelne. Porträts irgendwie, aber … doch, doch, doch. Hier sind Menschen. Überall. Seht ihr die nicht? Verstehen Sie, was ich meine?


Sabine Mader - Fotos mit IMAGINATION [i:mägi:neischen]

Hier werden Geschichten erzählt. 

Sabine Mader erzählt Geschichten. Das heißt – nein, noch anders: Sabine Mader teasert Geschichten, sie triggert sie an, weckt die Vorstellungskraft, die Phantasie, das innere Auge…

Und wir sind ihr Publikum, denn wir erzählen sie weiter, diese Geschichten. Wir stehen davor und  mutmaßen, spekulieren, phantasieren. Vielleicht erinnern wir uns auch an die eine oder andere ähnliche Situation in unseren Leben? Was für eine Geschichte!

Grüne Blätter und ein stumpfes Messer? Ein Still-Leben? Nein, eine Geschichte. Eine fröhliche Pflück-Geschichte im Wald, ein gedeckter Tisch. Dampfende Pasta, Bärlauch-Pesto, Parmesan – und quengelnde Kids, die mögen keinen Bärlauch.

Radieschen auf Schwarz? Kontraste, Blende, Tiefenschärfe? Nein, eine Geschichte. Die Geschichte von Sabines eigenem Acker könnte das sein. Oder die von Ihrem Lieblings-Hofladen, die von der Biokiste bei Ihnen im Büro? Vielleicht ist es auch eine viel größere Geschichte. Eine von Hunger und Not, von Konsum und Überfluss, von Wertschätzung und Achtsamkeit. 

Apropos Achtsamkeit: Hier geht es ja noch um die Wurst!
 Die Schlachterszenen – brutal, grausig, blutig? Ach nee! Sauber portioniert und in hygienische Folie geschweißt vergessen wir das gerne. Hier kommen wir mal ganz dicht dran, an den Metzger, das Tier, das Blut. Da wird ein Beil geschwungen, ein Schwein verliert sein Leben, wird zerteilt … nein, dies soll keine Bekehrung zum Vegetarismus werden, vielmehr eine Aufforderung zum Innehalten und Nachdenken. 

Wollen Sie meine Geschichte dazu hören?
Als ich klein war, nahm mich mein Großvater zu eben so einer Hausschlachtung mit. Großes Kino für einen kleinen Kerl. „Wer Wurst isst, soll wissen, wo die herkommt,“ waren seine weisen Worte. Damals ging das ja auch noch ganz einfach. Heute ist das schwieriger. Und mal ehrlich, wollen wir diese Geschichten von heute hören? Wollen wir nicht, müssen wir aber.

Mich hat das damals jedenfalls sehr berührt. Ich bin meinem Großvater sehr dankbar für diese Erfahrung. Und für die Erkenntnis, dass man die Konsequenzen des eigenen Handelns nicht aus den Augen verlieren darf. Den Metzger vorzuschicken ist nämlich nie eine Lösung.


Übrigens: haben Sie schon die Oktopusse gesehen? 
Über Ihnen schweben sehen? Auch so eine Geschichte, die keineswegs von einem leckeren Mittagessen am Strand erzählt, oder? Nicht bei mir jedenfalls – ich sehe vielmehr das ganz Spektrum der saugnäpfigen Wasserwesen vor mir. Vom schnuckeligen Mini-Pulpo bis zum mörderischen Riesenkalmar. Erinnern Sie sich noch an den Horrorfilm „The Abyss – Abgrund des Todes“ von James Cameron 1989? Spezialeffekte, Computer-Animationen, Killerfische – und Unterwasserwesen, die versuchen, das zerstörerische menschliche Verhalten zu dokumentieren und zu verhindern. Horror, Heilung, Happy End. Ein Riesenfilm. Sabine Mader macht fünf furchtbar-feuchte Fotos und der gesamte Abyss landet auf unseren eingebildeten Tellern. Was für eine Geschichte!

Und trotz alledem, natürlich wird immer und überall gegessen. 
Und es ist ganz erstaunlich, was die Leute rund um den Erdball alles so verspeisen – der gedeckte Tisch steht jedenfalls immer mittendrin, in jeder Geschichte. (Auch bei uns übrigens. Damit Sie nicht enttäuscht sind, dass es hier eigentlich gar nicht ums Essen geht.)

Aber was erzähle ich? Gehen Sie hin, gucken Sie selbst, welche Geschichten Sie sich erzählen lassen. Oder fragen Sie Ihre Kinder. Viel Spaß dabei!

Text Anja Roth

  



















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